Leibniz-Gymnasium Essen

WAZ 03.10.2013

Als aus dem Juden Salomon der Hitlerjunge Jupp wurde

Sally Perel war zu Gast am Leibniz Gymnasium.

Foto: Alexandra Roth

Der Jude Sally Perel überlebte den Holocaust auf ungewöhnliche Weise. Am Leibniz-Gymnasium in Altenessen berichtete der heute 88-jährige Zeitzeuge aus seinem bewegten Leben im Dritten Reich, in dem er mit viel Glück überlebte.
Es ist ruhig in der Aula des Leibniz-Gymnasiums. So ruhig, dass man viele der 200 Schüler atmen hören kann. So ruhig, wie es sich Lehrer in ihrem Unterricht wünschen. Nur hören die Schüler nicht einem Lehrer zu, sondern Sally Perel.
Der erzählt von einem Besuch in Auschwitz. „Ich habe diese Haufen aus Kinderschuhen gesehen. Diese vielen Haarlocken. Der Geruch von verbrannten Leichen ist dort bis heute spürbar.“

Betroffene Stille in der Aula.

„Damals habe ich mir vorgenommen, bis zu meinem letzten Tag über das Geschehene zu berichten und für die Wahrheit zu kämpfen.“ 
Sally Perel ist Deutscher und Israeli. Er ist Jude und hat den Holocaust überlebt. Der 88-Jährige ist einer von den Zeitzeugen dieser dunkelsten Epoche der deutschen Historie, von denen es immer weniger gibt.

„Ich bin lebendige Geschichte. Ihr seid die letzte Generation, die noch Zeitzeugen erleben kann“, sagt er zu den Leibniz-Teenagern. Und die hören genau zu, was der besondere Besucher zu erzählen hat. Salomon, kurz Sally, wurde in Deutschland geboren. Und hat in Deutschland überlebt. 

Als Jupp. So nannte er sich, als ihn die Wehrmacht aufgriff. Und ihn in Braunschweig in eine Schule der Hitlerjugend steckte. Dort lebte er in „der Haut des Feindes“. Und in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Sally, der Jude, erlag der Faszination des faschistischen Systems. „Ich war teilweise begeisterter Hitlerjunge und hatte schöne Erlebnisse: Im Sport, mit Opern von Richard Wagner. Mit meiner Freundin. Der Hitlerjunge war in dieser Zeit dominant. Der Jude verdrängt.“

„Du sollst überleben“, hatte ihm seine Mutter vor dem Abschied mit auf den Weg gegeben. „Vergiss nie, wer du bist“, hatte sein Vater gesagt. Die Eltern überlebten den Holocaust nicht. Sally Perel schon. Und er fand nach dem Krieg sich und seine Identität wieder. Er wanderte nach Israel aus, begann sein zweites Leben. Und schrieb Jahrzehnte später die Ereignisse seines erstes Lebens in der Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ auf. Ein Buch als Mahnung und Mahnmal, das sich die Leibniz-Schüler gestern dutzendweise zum Lesen mit nach Hause nahmen.

Ebenso, wie die Ratschläge Sally Perels: „Schuld erbt man nicht“, sagte er zu den Zuhörern. Und er schärfte mit einem Appell das Bewusstsein der Gymnasiasten, die zwei Stunden lang fasziniert zugehört hatten: „Wir müssen aus der Vergangenheit lernen, in der Gegenwart richtig zu handeln. Ihr seid für mich neue Zeitzeugen. Ihr habt mich als eine der ersten Quellen gehört. Helft mit, dass die Wahrheit wachgehalten wird.“

  

Schüler reisen 2014 nach Auschwitz

Sally Perel war auf Einladung der Leibniz-Lehrerin Katrin Schmeetz in das Gymnasium nach Altenessen gekommen. Die Pädagogin hatte ihn auf einer Veranstaltung angesprochen.

In dem Gymnasium gibt es einen Projektkurs „Gegen das Vergessen“, in dem 35 Schüler mitarbeiten.

„Eine tolle Zahl. Mit so vielen Interessenten hätten wir bei der Einrichtung des Kurses nicht gerechnet“, sagt Schulleiter Martin Tenhaven.

Neben dem klassischen Unterricht hat der Kurs auch noch eine weitere Komponente: Im Februar 2014 reisen die Schüler nach Auschwitz.

 

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