„Wir sind nun Zweitzeugen“ – Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz des Q1 Projektkurses „Gegen das Vergessen“ 2025/2026

Fast ein halbes Jahr lang haben wir uns im Projektkurs „Gegen das Vergessen“ intensiv mit dem Holocaust und den Verbrechen der Nationalsozialisten beschäftigt. Im Rahmen der diesjährigen Gedenkstättenfahrt fuhren wir vom 8. bis zum 13. Februar 2026 nach Auschwitz (Oświęcim), einem Ort, der die Grausamkeiten und Verbrechen der Geschichte greifbar macht wie kaum ein anderer.

Schon während der Busfahrt war uns bewusst, dass diese Fahrt keine gewöhnliche wird. Sie sollte Spuren hinterlassen und wahrscheinlich die wichtigste Fahrt unserer Schulzeit werden.

Am ersten Tag in Oświęcim erreichten wir das Stammlager Auschwitz I, das heute vor allem ein Museum ist. Dieser Tag war für uns am vielleicht herausforderndsten. Viele von uns brauchten einen Moment, bevor wir durch das Tor mit der Schrift „Arbeit macht frei“ liefen, um den Schritt bewusst zu gehen. Es war nicht einfach, das Ausmaß der Verbrechen zu erfassen. Die Ausstellungen mit Bergen an Koffern, Schuhen und Gegenständen von Gefangenen machten die unermesslichen Verbrechen erstmals greifbar. Die Vorstellung an die Menschen, deren Schicksale heute oftmals hinter einer Zahl verschwinden, hat uns entsetzt.

Der zweite Tag führte uns nach Auschwitz-Birkenau, dem Massenvernichtungslager. Der erste Blick auf das große Eingangstor hat sich in uns eingebrannt, da der Ort seine Schrecken und Vergangenheit spüren lässt. Die Dimension des Lagers mit Überresten der Krematorien, die Schienen der Deportationszüge, die Rampe, an der Selektionen stattfanden, die Latrinen- und Kinderbaracken gemeinsam mit unserem Wissen um die Verbrechen überforderten uns. Zumal uns bewusst wurde, dass das NS-Regime systematisch, gezielt und methodisch vorgegangen ist, sei es bei der Konstruktion des Lagers oder bei der Bewahrung des Systems.

Unter anderem waren wir als Kurs besonders dankbar darüber, dass wir Frau Zdzisława Włodarczyk, eine Auschwitz-Überlebende treffen durften. Im Zeitzeugengespräch erzählte sie uns sehr eindrücklich von ihrer Geschichte und ermutigte uns mit ihrer Botschaft, unsere Unterschiede und Vielfalt verschiedener Kulturen anzuerkennen. Aus dem Gespräch mit ihr nehmen wir die Warnung mit: Hass wächst schnell und breitet sich schnell aus. Wir sind nun Zweitzeugen und tragen die Verantwortung dafür zu sorgen, dass solche Geschichten wie ihre nicht geleugnet werden.

An unserem letzten Tag in Auschwitz lag die Entscheidung bei uns, welches Lager wir erneut eigenständig besichtigen wollen. Diese freie Wahl ermöglichte uns eine persönliche Reflexion und individuelle Verarbeitung der Eindrücke. Manche entschieden sich in Auschwitz I weitere Ausstellungen anzusehen und Wissen zu vertiefen, während andere selbstständig durch Birkenau gingen. Während des Aufenhalts in Oświęcim reflektierten wir unsere Eindrücke und Erlebnisse in Workshops und Gesprächsrunden mit unseren begleitenden Lehrkräften.

Am letzten Tag unserer Reise fuhren wir nach Krakau, um langsam in unseren Alltag zurückzukehren. Wir lernten die Geschichte der Stadt in einem selbstorganisierten Stadtrundgang kennen und besuchten die Sehenswürdigkeiten. Am Abend beendeten wir die Fahrt mit einem gemeinsamen Essen in einem jüdischen Restaurant und somit mit einem Hauch von Kultur und Normalität.

Mit Bildern, die uns lange nicht aus dem Kopf gehen werden, ist die Fahrt für uns ein Aufruf, gegen das Vergessen anzukämpfen. Es liegt an uns, wachsam zu bleiben, damit Geschichte sich nicht wiederholt; in Verantwortung für alle Opfer des Holocausts.

Von Zeynep Sevde Kurnaz, Q1